Wir brauchen das Ungenaue!

Subhash: «Las sombras #6738»

«Las sombras #6738»

Ob denn die Fotografie überhaupt imstande sei, das Wesen der Dinge wiederzugeben, das fragten sich viele der ersten Fotografen, wo sie doch wahllos eine Unmenge unnützer Details aufzeichne.

„Das Wesen der Dinge”: Wer verschwendet heute noch einen Gedanken daran? Man tut so, als ob Fotografie DIE WAHRHEIT darstelle, obwohl jedem Mitglied der westlichen „Zivilisation” klar sein müsste, dass hier alles Mögliche aufgenommen wird, nur ganz sicher nicht die eine, einzige Wahrheit. Man tut so, als sei diese oberflächliche Ansicht der Dokumentaristen schon das (oder jedenfalls genügend) Wesen der Dinge. Dementsprechend wird dem Detailreichtum gehuldigt, der Schärfe und der Quietschentchen-Buntheit. Das ist selbstverständlich auch Ausdruck eines Glaubens an die Wissenschaft, die sich ja ebenfalls nicht mit einem vermuteten Wesen beschäftigt, sondern mit Details, Stückwerk, Bruchstücken, und glaubt, dadurch DER WAHRHEIT auf die Spur kommen zu können.

Moritz Nähr: „Ludwig Wittgenstein”, 1930

Ludwig Wittgenstein, 1.1.1930
Foto: Moritz Nähr

Dementgegen hatte der Österreichische Philosoph Ludwig Wittgenstein erkannt, dass Begriffe eine gewisse Unschärfe benötigen, sonst taugen sie nicht zur Kommunikation. Der ganz genau definierte Begriff ist unbrauchbar. Die Zerstückelung der Welt ist ebenso unbrauchbar, vor lauter Bäumen wird der Wald nicht mehr gesehen.

Ja, kann man ein unscharfes Bild immer mit Vorteil durch ein scharfes ersetzen? Ist das unscharfe nicht oft gerade das, was wir brauchen?

(Ludwig Wittgenstein,
Philosophische Untersuchungen, § 71)

Vielleicht sollten wir wieder das Gespür pflegen statt der so genannten Erkenntnis. Die Ahnung, die Eingebung, das Schemenhafte, das Unscharfe, das Ungenaue. Die erstickende Informationsflut zeigt uns doch bereits, dass wir nie alles wissen werden können. Die oft grandios lächerlichen Fehlinterpretationen der „Big Data” sind typisch für den Holzweg auf dem „wir” uns – also die westliche Lebensart – in unserer Weltanschauung befinden.


Ergänzung vom 7.10.2016:

Das Messen und Zählen erhielt Schritt für Schritt Vorrang vor anderen Arten der Erkenntnis und Erfahrung. […]
Was jemand selbst sah, hörte, fühlte und roch, konnte keinen Anspruch auf Wahrheit, ja auf Wirklichkeit mehr erheben; erst wenn Experten im kontrollierten, wiederholbaren Experiment etwas messen konnten, war es real. Der Mensch wurde Schritt für Schritt der Wahrheit seiner eigenen Wahrnehmung beraubt. […]
Die Geistesgeschichte der Neuzeit ist aus dieser Perspektive nicht, wie immer wieder behauptet wird, eine Geschichte der Emanzipation des Menschen, sondern im Gegenteil eine Geschichte seiner Ausblendung, seines Unsichtbarwerdens.

(Fabian Scheidler: „Das Ende der Megamaschine –
Geschichte einer scheiternden Zivilisation”,
Promedia, 2016, S. 110f)

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