Taube im Stechschritt

„Vogelgrippe”, 2006 © Foto: Heinz-Peter Bader

„Vogelgrippe”, 2006 © Foto: Heinz-Peter Bader

Im Wiener Künstlerhaus zeigt die Photographische Gesellschaft noch bis Ende Jänner 2012 „Zeit-zeugen – Photographie in Österreich nach 1945” zum Anlass ihres 150. Jubiläums. Auf ihrer Website schreibt sie: „Fast alle bedeutenden, lebenden Photographen werden neben einer gezielten Auswahl von trendweisenden, jungen und aufstrebenden Photokünstlern der Gegenwart zu sehen sein.” Dazu im Gegensatz steht, dass auch Fotografinnen unter den 120 Aussteller*innen zu finden sind. Es handelt sich um eine bunte und doch seltsam begrenzte Sammlung mit Motiven wie beispielsweise den folgenden:

  • ein sich umarmendes altes, ländliches Ehepaar
  • die Beatles als Raben im Schnee („Help”)
  • eine magersüchtige Hommage an Egon Schiele
  • trostlose Landschaften wunderschön fotografiert
  • das zerschossene Gesicht eines Soldaten
  • zwei Bilder aus Ernst Haas’ „Schöpfung”
  • die „Tabubrechen” spielenden Wiener Aktionisten
  • eine Taube im Stechschritt
  • knallbunte 3D-Darstellungen
  • ein „Schuss” in die Halsschlagader eines Junkies
  • die Spur eines Skiläufers im unberührten Pulverschnee

Ich frage mich trotz hunderter Aufnahmen wie repräsentativ diese Ausstellung eigentlich für „Österreichs Fotografie” ist, kenne ich doch ein halbes Dutzend Fotograf*innen, die das gezeigte Spektrum entscheidend bereichern würden, aber nahezu unbeachtet obwohl ausdauernd ihrer Kunst nachgehen. Die nicht-dokumentarische Fotografie fehlt beinahe gänzlich. Es scheint, als hätte eine unbewusste (?) Selbstbeschränkung auf Reportage und Studioinszenierung stattgefunden und das Ergebnis dieser Einengung des fotografischen Blicks würde nun pars pro toto als Das Bemerkenswerte, Bedeutende, Aufstrebende vorgeführt.

„Photographie in Österreich nach 1945” ist (selbstverständlich?) weitaus mehr als die im Künstlerhaus gezeigte. Wen die Einengung auf die die Erscheinung reproduzierende Funktion der Fotografie nicht stört, der wird Freude an der innerhalb dieser Grenzen vielfältigen Präsentation haben. Und für alle anderen ist unter dem etwas anmaßenden Titel ebenfalls die eine oder andere Kostbarkeit zu finden.

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