Wann Kunst nicht von Können kommt

Subhash: «Alba» (Beispiel für nicht gekonnte Fotografie?)

«Alba»: nicht gekonnt?

Im Nationalsozialismus war man sich sicher, dass es Zweck der „entarteten Kunst” sei, den „angeborenen Schönheitssinn des deutschen Menschen zu ertöten” und „das auch politisch angestrebte Chaos” zu verwirklichen. Wessen Kunst nicht vom Können, wie es die Nationalsozialisten anerkannten, käme, der „verkörper[e] die mit künstlerischen Mitteln unterstützte Volksverdummung”. 1)

Auch heute noch hört man dieses geflügeltes Wort oft; gerne wird behauptet, dass es das Können sei, was die Kunst ausmache. Diese Leute sprechen, so meine ich, über Kunstfertigkeit. Über handwerkliches Können, das man tatsächlich nicht gering schätzen sollte, aber das doch mit Kunst nicht notwendigerweise zu tun hat. Auch ich bewundere Könner_innen ihres Handwerks, mehr aber noch Künstler_innen.

Für mich hat Kunst einen transzendenten Aspekt. Das muss nichts Religiöses bedeuten, aber ich verlange von ihr, dass sie über das Wohlbekannte hinausweist, das Bewusstsein erweitert. Sie soll träumen, forschen, ergründen, Neues zeigen und Tabus sichtbar machen. Sie soll nicht bestätigen, sondern hinterfragen, nicht bekräftigen, sondern stören.

Kunst in diesem Sinn hat gerade eben nichts mit Können zu tun; ja, man darf sogar sagen, sie ist geradezu das Gegenteil von (arriviertem) Können. Können ist die Bestätigung, die Vollendung des Anerkannten, Kunst aber stöbert im Unbekannten. Sie muss über das bereits Eroberte hinausgehen, es hinter sich lassen, um wieder offen zu werden.

Subhash: «Latido de corazón»

«Latido de corazón»

Das Thema Kunst und Können hatte nicht nur im Dritten Reich politische Dimension: Auf meine Frage, was man in Europa tun könnte oder müsste um den ungebremsten Vormarsch des Neoliberalismus einzudämmen, meinte der Venezolanische Künstler Luis Britto García, vor allem sei es wichtig, die Bedeutung von Arbeit hin zu einer kreativen Lebensäußerung zu verändern.


1) Alle drei Zitate Berliner Morgenpost vom 25. Februar 1938. 

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