Mit Polaroid bewusster fotografieren

Die Polaroid „Spirit 600 CL”; © Timo M.

Polaroid „Spirit 600 CL”
© Timo M.

Von analog zu digital …

Meine ersten fotografischen Gehversuche liegen gut zwanzig Jahre zurück. Die Beschränkungen des viel zu kurzen Films, das lange Warten auf die entwickelten Bilder, die Freude und häufig auch Enttäuschung über die Ergebnisse sind noch gut in Erinnerung. Nach einer ganzen Weile Abstinenz kaufte ich mir vor einigen Jahren eine digitale Kamera und die Begeisterung über die scheinbar überwundenen Schranken folgte schnell.

Ein Hoch auf die digitale Fotografie! Hat man die häufig schmerzlichen hohen Anschaffungskosten erst einmal „weggesteckt”, entstehen Bilder am Fließband – es kostet ja schließlich nichts. So kam ich häufig nach einem fotografischen Ausflug mit Unmengen an Fotos zurück und war doch selten zufrieden.

… und wieder zurück

Vor einiger Zeit hatte ich die Möglichkeit, mit einer analogen Kamera herumzuspielen. Nicht irgendeiner, sondern einer Polaroid (600er Serie) nebst aktuellem Filmmaterial des Impossible Projects.

Die Kamera ist in ihrer Bedienung reduziert auf das absolute Minimum und glänzt mit einer grauenhaften Haptik. Die knarzige Plastik des Gehäuses, das geringe Gewicht und der mickrige Sucher bestätigen den billigen Eindruck, der sich auch im Preis widerspiegelt: Diese beginnen ab ca. 50 – 75 Euro für eine überholte und technisch einwandfreie Kamera, Spiegelreflexen kosten deutlich mehr.

Spannend wird’s bei den Filmen. Ein 8er-Pack liegt bei stolzen 20 Euro. Pro Bild werden also 2,50 Euro „verbraten”.
Spätestens, nachdem das zweite Filmpack belichtet wurde, macht man sich dies bei jedem Foto sehr bewusst. Bei mir führte das zu einer Motivwahl mit Bedacht. Während man beim Digitalfotografieren schon häufig vor/während der Aufnahme im Geiste stempelt oder nachbelichtet und Gedanken an Ausschnittwahl und Weißabgleich an den heimischen PC verlagert, steht das Sofortbild fest. Unveränderbar sind Stromleitungen, Hydranten etc. präsent. So wandert der Blick bei jedem Bild immer intensiver durch den Sucher, man bewegt sich, statt zu zoomen (wie auch), wartet auf eine Wolke, die sich vor die Sonne schiebt, und die Schatten weniger intensiv erscheinen lässt usw. – kurzum, man entschleunigt und gibt sich bewusster dem Motiv hin, nimmt sich Zeit …
Als Ergebnis erhält man Fotos, die teuer in ihrer Entstehung, jedoch auch häufig wertvoller für den Fotografen sind.

Mir jedenfalls haben die Gehversuche mit der Polaroid geholfen, auch mit meiner digitalen Spiegelreflex wieder aufmerksamer zu fotografieren.

Retrowelle

Zurzeit ist „Retro”, wie auch immer genau definiert und egal ob als Photoshop-Aktion oder als Smartphone-App, der letzte Schrei. Dennoch, diese Fotos sind beliebig reproduzierbar und nachträglich manipulierbar, vielleicht sollen die Effekte auch nur die Belanglosigkeit des Motivs kaschieren. Ein Polaroid kann man nicht mal eben via Knopfdruck bei Dutzenden Netzwerken hochladen, dafür hält man es in der Hand, kann es drehen und wenden und seine Einmaligkeit genießen. Vor allem aber bleibt der Entstehungsprozess viel präsenter.

Ich möchte kein Loblied auf die gute alte Zeit, resp. auf Polaroid, das Impossible Project oder die analoge Fotografie allgemein singen, das geschieht derzeit mehr als genug. Aber dem Reiz des unperfekten Fotografierens möchte ich auch in Zukunft zeitweise erliegen. Nicht, weil es alle tun, oder es gerade in ist. Nein, weil es diszipliniert, die Augen öffnet und wunderbar bremst. Freilich auch, weil es die Leichtigkeit, Einfachheit, eben den Luxus der digitalen Fotografie wieder ins Bewusstsein rückt. Analog denken kann man ja trotzdem ;-)

Mein „Olympus-Kollege” Timo M. schreibt in seinem Fotoblog
über Fotografie, im besonderen über Naturfotografie

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