Grundlagen: Schärfe in der Fotografie

Eingangsschärfung in Adobe Lightroom (dort 100%-Ansicht)

Eingangsschärfung in Lightroom

Schärfe ist heutzutage eine heilige Kuh. Das war nicht immer so und hat meines Erachtens nach weltanschauliche Gründe. Die Haltung, dass viel Information per se wünschenswert sei und zu einer besseren Annäherung an die als objektiv vorhanden vorgestellte Wirklichkeit führe (und „besser” wird heute letztlich mit „profitabler” gleich gesetzt), bringt mit sich, dass Detailreichtum und scharfe Abgrenzung in einer Fotografie geschätzt werden. Diese wird ja landläufig eher als Abbild der Wirklichkeit empfunden, denn als Darstellung der Kommunikation zwischen Ich und Welt oder als Reaktion der Fotografin oder des Fotografen auf einen bestimmten Kontext, in dem das Bild entstanden ist. Dazu kommt noch eine gewisse Faszination der Technik gegenüber, die manchmal bis hin zum Wunsch nach einer Herrschaft von Experten führt, weil man sich dadurch „ein besser funktionierendes Leben” verspricht.

Dem gegenüber ließ der Piktoralist Heinrich Kühn ein Weichzeichner-Objektiv bauen, das den von ihm als lästig empfundenen Detailreichtum möglichst unterdrückte und nicht zu scharf zeichnete. Es wurde bis in die 1990er-Jahre von der Firma Rodenstock als „Imagon-Tiefenbildner” hergestellt 1)1): Was heute als nahezu unwidersprochenes Qualitätskriterium gilt, kann also ebenso als Oberflächlichkeit, ja, als Makel empfunden werden.

Um die Vorteile der Unschärfe soll es in diesem Artikel aber nicht gehen, sondern ganz zeitgeistig darum, wie man in der Ausarbeitung einer RAW-Aufnahme eine möglichst große, dabei aber harmonische Schärfe erreicht. Weiterlesen 

Zeigt ein Foto die Wirklichkeit?

Wirklich Wirklichkeit?

Wie wirklich ist die Wirklichkeit?

Selbstverständlich! Schon allein, dass man eine Fotografie sehen kann, also eine Wirkung auf die Sehnerven des Betrachters vorhanden ist, bedeutet, dass sie zur Wirklichkeit gehört. (Und welche Wahrnehmung gehört denn nicht zur Wirklichkeit? – Illusionen? Sind diese denn nicht auch wirksam?) Jedes Foto wirkt, sonst würde man sich die Frage, ob es die Wirklichkeit zeigt, gar nicht stellen. Aber ob’s die Wirklichkeit zeigt? Die da draußen, die die Platoniker meinen? Ob es also ein weiterer Schatten an der Wand ist, ein Abbild der Wahrheit, die wir Wahrnehmungs-Gefesselten nicht sehen können? Oder ist es nur eine Fälschung, etwas, dass es gar nicht gibt?

Die Frage nach der Wirklichkeitstreue der Fotografie ist schon eine ganz eigene: Wer so fragt, muss daran glauben, dass Fotografie selbstverständlich eine illustrierende, darstellende Funktion hat. In der aktuellen Ausstellung „Real” der Fotogalerie Wien etwa werden künstlerische Positionen präsentiert, die sich „dokumentarisch” mit dem Thema „Lebensraum” auseinandersetzen. Dokumentation als Realitätsderivat?

Stellen wir die Frage nach der Wirklichkeit beispielsweise an Musik, dann wird’s schon viel subjektiver, die Urbedeutung von Wirklichkeit als Wirkung liegt wieder näher. Kein Mensch fragt ernsthaft, ob Goreckis 3. Symphonie eine Fälschung ist oder was sie eigentlich darstellt. Ob sie „in Wirklichkeit” gar nicht existiert. Musik darf für sich stehen und muss nichts anderes meinen. (Das würde ich mir auch für die Fotografie wünschen.) Weiterlesen