
{"id":65,"date":"2008-05-11T16:08:55","date_gmt":"2008-05-11T14:08:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.subhash.at\/venezuela\/widerstand-und-zusammenarbeit\/"},"modified":"2010-10-25T08:56:57","modified_gmt":"2010-10-25T06:56:57","slug":"widerstand-und-zusammenarbeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.subhash.at\/venezuela\/widerstand-und-zusammenarbeit\/","title":{"rendered":"Widerstand und Zusammenarbeit"},"content":{"rendered":"<span class=\"Z3988\" title=\"ctx_ver=Z39.88-2004&amp;rft_val_fmt=info%3Aofi%2Ffmt%3Akev%3Amtx%3Adc&amp;rfr_id=info%3Asid%2Focoins.info%3Agenerator&amp;rft.type=&amp;rft.format=text&amp;rft.title=Widerstand+und+Zusammenarbeit&amp;rft.source=Mein+Venezuela&amp;rft.date=2008-05-11&amp;rft.identifier=https%3A%2F%2Fwww.subhash.at%2Fvenezuela%2Fwiderstand-und-zusammenarbeit%2F&amp;rft.language=English&amp;rft.subject=Erg%C3%A4nzungen&amp;rft.au=Subhash\"><\/span><div class=\"fl\"><a href=\"https:\/\/www.subhash.at\/venezuela\/wp-content\/gallery\/avila\/P2100993_CaracasMoschee.jpg?id=204\" class=\"thickbox\" rel=\"\" title=\"Caracas mit Moschee\"><img src='https:\/\/www.subhash.at\/venezuela\/wp-content\/gallery\/avila\/thumbs\/thumbs_P2100993_CaracasMoschee.jpg' alt='Caracas mit Moschee' title='Caracas mit Moschee' \/><\/a><\/p>\n<p class=\"bu\">Caracas mit Moschee<\/p>\n<\/div>\n<h3>Es mangelt uns weder an M\u00f6glichkeiten,<br \/>\nnoch an Geld, sondern an offenem Denken<\/h3>\n<p>Manchmal sind es entt\u00e4uschende Niederlagen, die die Grundlage f\u00fcr gro\u00dfe Erfoge bilden. Ein Fernsehauftritt von einer knappen Minute machte einen kleinen Fallschirmj\u00e4ger-Oberstleutnant zur Hoffnung der Armen. Als f\u00fchrender Kopf eines Putschversuches musste er im Februar\u00a01992 seine Kameraden dazu aufrufen, den Versuch &#8222;por ahora&#8220; (&bdquo;vorerst&rdquo;) zu beenden und die Waffen niederzulegen. Er \u00fcbernahm die Verantwortung f\u00fcr den gescheiterten Staatsstreich und das war nun wirklich niemand gewohnt: Jemand, der zu seiner \u00dcberzeugung steht, auch wenn es ihm gro\u00dfe Nachteile einzubringen scheint. Auch das &#8222;Por ahora&#8220; bewies R\u00fcckgrat. Der junge Milit\u00e4r stand damit \u00f6ffentlich weiter zu seiner \u00dcberzeugung, dass die krasse Armut beseitigt werden muss, die im Februar 1989 zum <em lang=\"es\">caracazo,<\/em> dem gewaltigen Volkssaufstand in Venezuela gef\u00fchrt hatte<!--more-->, einer Reaktion auf die neoliberalen Sparma\u00dfnahmen, die der Internationale W\u00e4hrungsfond gefordert hatte und dessen Unterdr\u00fcckung auf Befehl des Sozialdemokraten Carlos Andr\u00e9z P\u00e9res laut Angaben der damaligen Regierung 399, nach unabh\u00e4ngigen Quellen an die 4.000&nbsp;Menschen das Leben gekostet hatte. Die Zelle des ehemaligen Oberstleutnant wurde zum Wallfahrtsort, da half auch die Verlegung in ein anderes Gef\u00e4ngnis nichts. Knappe sieben Jahre sp\u00e4ter wurde der inzwischen begnadigte Putschist <span lang=\"es\">Hugo Rafael Ch\u00e1vez Fr\u00edas<\/span> mit absoluter Mehrheit zum  Pr\u00e4sidenten Venezuelas gew\u00e4hlt.<\/p>\n<div class=\"fl\" style=\"width: 150px;\"><a href=\"https:\/\/www.subhash.at\/venezuela\/wp-content\/gallery\/barrio\/p2121125.jpg\" class=\"thickbox\" rel=\"\" title=\"12 - Mision Robinson\"><img src='https:\/\/www.subhash.at\/venezuela\/wp-content\/gallery\/barrio\/thumbs\/thumbs_p2121125.jpg' alt='Mision Robinson' title='Mision Robinson' \/><\/a><\/p>\n<p class=\"bu\">Plakat f\u00fcr die <em lang=\"es\">Misi\u00f3n Robinson<\/em><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.subhash.at\/venezuela\/wp-content\/gallery\/barrio\/p2131216.jpg\" class=\"thickbox\" rel=\"\" title=\"Ein Pavillon der Mision Barrio Adentro\"><img src='https:\/\/www.subhash.at\/venezuela\/wp-content\/gallery\/barrio\/thumbs\/thumbs_p2131216.jpg' alt='Barrio Adentro' title='Ein Pavillon der Mision Barrio Adentro' \/><\/a><\/p>\n<p class=\"bu\">Ein Pavillon der <em lang=\"es\">Misi\u00f3n Barrio Adentro<\/em><\/p>\n<\/div>\n<p>2 Millionen Menschen buchst\u00e4blich eine Stimme zu geben, war eine der ersten Aktionen der so genannten &#8222;Bolivarischen Revolution&#8220;. Die <em lang=\"es\">Misi\u00f3n Identidad<\/em> verschaffte denen Papiere, die keine hatten, und damit nicht nur vom \u00f6ffentlichen Verkehr und dem Schulbesuch, sondern auch von Wahlen ausgeschlossen waren. Dieses Wahrnehmen der Armen, die grundlegendste Form von Respekt, ist etwas, das Ch\u00e1vez hoch angerechnet wird, worauf ich im Zuge einer Reise im Februar 2008 immer wieder aufmerksam gemacht wurde. Der &#8222;Plan Bol\u00edvar 2000&#8220; setzte Milit\u00e4r und zivile Freiwillige ein um die akutesten Hilfsma\u00dfnahmen durchzuf\u00fchren: In den ersten Jahren der Regierung Ch\u00e1vez konnten beispielsweise an die 2&nbsp;Millionen Personen erstmals durch Trinkwasserleitungen versorgt werden. W\u00e4hrend des <em lang=\"es\">caracazo<\/em> hatten Soldaten auf Arme geschossen, jetzt aber halfen sie ihnen. <em lang=\"es\">Mercal<\/em> bietet Grundnahrungsmittel zum halben Preis, was hoffentlich die Preise kapitalistischer Unternehmungen ebenfalls nicht in den Himmel wachsen l\u00e4sst. Die <em lang=\"es\">Misi\u00f3n Barrio Adentro<\/em> stellt kostenlose medizinische Grundversorgung f\u00fcr jedermann und -frau bereit. Die <em lang=\"es\">Misi\u00f3n Robinson<\/em> erreichte mit der Hilfe von Kuba, dass die UNESCO im Oktober 2005 Venezuela frei von Analphabetismus erkl\u00e4rte.<\/p>\n<p>Der Reichtum Venezuelas stammt aus dem Erd\u00f6l. Dieser Reichtum ist aber relativ zu sehen. \u00d6sterreich hat ein 3-fach so hohes Bruttonationalprodukt bei nur einem Drittel der Bev\u00f6lkerung und einem Elftel der Landfl\u00e4che. Die Bolivarianische Revolution kostete den alten Eliten das Privileg sich auf Kosten anderer zu bereichern oder schr\u00e4nkten es zumindest empfindlich ein. Auch die USA und Teile Europas konnten diese Angriffe auf ungehemmten Kapitalismus nicht ohne Gegenwehr ertragen&nbsp;&#8230;<\/p>\n<div class=\"fl\" style=\"width: 150px;\"><a href=\"https:\/\/www.subhash.at\/venezuela\/wp-content\/gallery\/ergaenzungen\/p2151406_amerikanische_botschaft_caracas.jpg\" class=\"thickbox\" rel=\"\" title=\"Amerikanische Botschaft in Caracas\"><img src='https:\/\/www.subhash.at\/venezuela\/wp-content\/gallery\/ergaenzungen\/thumbs\/thumbs_p2151406_amerikanische_botschaft_caracas.jpg' alt='Amerikanische Botschaft Caracas' title='Amerikanische Botschaft in Caracas' \/><\/a><\/p>\n<p class=\"bu\">Amerikanische Botschaft in Caracas<\/p>\n<\/div>\n<p>Widerstand findet f\u00fcr gew\u00f6hnlich gegen eine Regierung statt. Nicht so in Venezuela im Jahr 2002 und 2003: Dort widerstanden gro\u00dfe Teile der Regierten den Versuchen, den gew\u00e4hlten Pr\u00e4sidenten Hugo Ch\u00e1vez samt Regierung zu beseitigen. Vorget\u00e4uschte \u00dcbergriffe auf die Opposition sollten einen gewaltsamen Umsturz legitimieren. Der Pr\u00e4sident der Industrie- und Handelskammer hatte mit Hilfe von Teilen der Armee die Macht \u00fcbernommen, aber Millionen von Menschen gingen in den n\u00e4chsten beiden Tagen auf die Stra\u00dfe und verlangten lautstark ihren gew\u00e4hlten Pr\u00e4sidenten zur\u00fcck. Der Druck des Volkes bewog die Armee sich gegen die illegitime Regierung zu stellen (die von den USA und Spanien unter Aznar schon freudig anerkannt worden war). Hugo Ch\u00e1vez konnte befreit werden und ging gest\u00e4rkt aus dieser Auseinandersetzung hervor. Durch einen Zufall gibt es ein erstaunliches Filmdokument von diesem Putsch (&bdquo;<a href=\"https:\/\/www.subhash.at\/venezuela\/film-ueber-putsch-gegen-chavez\/\">The revolution will not be televised<\/a>&rdquo;).<\/p>\n<p>Der n\u00e4chste Versuch der Reichen ihre politische Macht wieder herzustellen lief \u00fcber Venezuelas unselige Abh\u00e4ngigkeit von Erd\u00f6leinnahmen. Ein so genanter &#8222;Erd\u00f6lstreik&#8220;, der weitgehend vielmehr als Ausperrung zu sehen ist, wurde inszeniert. Aber auch diesmal wehrte sich das einfache Volk gemeinsam mit der Regierung erfolgreich. Innerhalb von drei Monaten konnte die F\u00f6rderung ohne die oppositionelle Managerschicht der Erd\u00f6lgesellschaft PdVSA wieder aufgenommen werden, wenn auch Milliarden Dollar an Einnahmen verloren gegangen waren. Die der Arbeit fern gebliebenen F\u00fchrungskr\u00e4fte und Angestellten konnten rechtm\u00e4\u00dfig entlassen werden. 40% davon mussten \u00fcbrigens nie ersetzt werden: Sie waren schon immer unn\u00f6tig gewesen. Die Bilanz zeigte, dass auch die Produktion profitabler wurde als zuvor.<\/p>\n<p>Nach diesem &#8222;\u00d6lputsch&#8220; versuchten oppositionelle Kr\u00e4fte unterst\u00fctzt von den USA die Regierung durch st\u00e4ndige Klagen vor allen m\u00f6glichen Gerichtsinstanzen zu st\u00f6ren und zu behindern. Der H\u00f6hepunkt dieser Angriffe folgte im Jahr 2004: Ein verfassungsm\u00e4\u00dfig vorgesehenes Abwahlreferndum gegen Ch\u00e1vez wurde gestartet. Aber auch daraus ging er siegreich hervor. Kein anderer regierender Pr\u00e4sident der Welt hat sich so oft demokratischen Wahlen gestellt wie der Venezolanische und wurde so oft best\u00e4tigt. Kein anderer hat auch nur ann\u00e4hernd eine so gro\u00dfe demokratische Legitimation wie Ch\u00e1vez, daran \u00e4ndert auch das verlorene Referendum zur \u00c4nderung der Verfassung im Dezember vergangenen Jahres nichts, die erste gro\u00dfe Niederlage. Man beachte wie in Europa im Gegensatz dazu eine Quasi-Verfassung verordnet wird gegen den Willen gro\u00dfer Teile der Bev\u00f6lkerung, wenn nicht sogar gegen die Mehrheit. <\/p>\n<p>Wie man am Beispiel Venezuelas sehen kann, ist Widerstand m\u00f6glich und kann erfolgreich sein. Dazu w\u00e4re es in Europa aber erst einmal n\u00f6tig, die Herrschaft \u00fcber das Denken zu brechen, die Massenmedien, Politik und Wirtschaft gemeinsam aus\u00fcben.<br \/>\nDie Macht \u00fcber das Denken ist zugleich die Macht die jeweilige Herrschaft \u00fcber Anerkennung hinaus nat\u00fcrlich und normal erscheinen zu lassen. Sie gibt M\u00f6glichkeiten und Alternativen vor. Dadurch besteht nicht nur die Macht, die &#8222;Tagesordnung&#8220; vorzugeben, sondern auch den Rahmen, in dem Konflikte ausgetragen werden.<\/p>\n<div class=\"fl\" style=\"width: 150px;\"><a href=\"https:\/\/www.subhash.at\/venezuela\/wp-content\/gallery\/barrio\/p2121169.jpg\" class=\"thickbox\" rel=\"\" title=\"Blick vom Dach des Blocks 19\"><img src='https:\/\/www.subhash.at\/venezuela\/wp-content\/gallery\/barrio\/thumbs\/thumbs_p2121169.jpg' alt='Blick von Block 19, Catia' title='Blick vom Dach des Blocks 19, Catia' \/><\/a><\/p>\n<p class=\"bu\">Blick vom Block&nbsp;19, Catia, Caracas<\/p>\n<\/div>\n<p>Diese Macht knabbert die blo\u00dfe Existenz einer Regierung wie die von Hugo Ch\u00e1vez an. Hier tut sich eine Alternative auf, die man schon vernichtet zu haben glaubte. Pl\u00f6tzlich erscheint es wieder m\u00f6glich, anders zu leben als wir glauben sollen. Nicht mehr der Kampf aller gegen alle, nicht mehr das Gewinnen auf Kosten von Verlierern ist in Venezuela die verordnete Norm, sondern das gerechte Verteilen des gemeinsam geschaffenen Reichtums. Die Gewinne aus der Erd\u00f6lf\u00f6rderung geh\u00f6ren nicht mehr ausl\u00e4ndischen \u00d6lkonzernen und wenigen Oligarchen, sondern den Venezolanerinnen und Venezolanern gemeinsam. Die <em lang=\"es\">misiones<\/em> werden damit finanziert, g\u00fcnstigste Mikrokredite und leistbare Wohnungen. Die basisdemokratischen Kommunalr\u00e4te bekommen 5% des Landesbudgets f\u00fcr ihre Projekte.<\/p>\n<p>Nehmen wir uns ein Beispiel! Es kann doch nicht l\u00e4nger darum gehen nach M\u00f6glichkeit ebenfalls an den Gewinnen von Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung teilzuhaben, wenn man beispielsweise ein billiges T-Shirt ergattert, das unter menschenunw\u00fcrdigen Bedingungen produziert wurde und trotz des unglaublich niedrigen Preises auch noch satte Gewinne f\u00fcr den Auftraggeber einzufahren im Stande ist, oder wenn man durch seine Pensionsvorsorge Geld bereitstellt f\u00fcr das verderbliche Zinssystem, das fortw\u00e4hrend Reiche reicher und Arme \u00e4rmer macht, nein, es geht darum, die Arbeit wenigstens im Lande, besser noch in der Region zu lassen und einander gegenseitig zu unterst\u00fctzen anstatt sich selbst alleine gegen jedes Ungl\u00fcck abzusichern. Es geht um Gerechtigkeit und M\u00f6glichkeiten f\u00fcr alle. Es geht auch darum ausl\u00e4ndische Arbeitskr\u00e4fte nicht l\u00e4nger auszun\u00fctzen, sondern sie samt den weggesperrten Asylanten wirklich aufzunehmen, sie mitgestalten zu lassen an dieser Gemeinschaft, die endlich wieder tats\u00e4chlich eine werden sollte! Arbeit gibt es genug. Geld auch, wenn wir es vern\u00fcnftig und bewusst einsetzen, wie das nun in Venezuela seit bald 10&nbsp;Jahren entgegen den fortgesetzten Sabottageversuchen der alten Eliten wenigstens in starken Ans\u00e4tzen der Fall zu sein scheint, nachdem sich die Unertr\u00e4glichkeit neoliberalen Wirtschaftens durch den <em lang=\"es\">caracazo<\/em> in Pl\u00fcnderungen, Zerst\u00f6rung und sichtbarer, blutiger Unterdr\u00fcckung Luft machte und daraufhin ein paar Tausend beherzte Milit\u00e4rs das Volk nicht l\u00e4nger im Zaum halten wollten, sondern die Seiten wechselten, an der Macht\u00fcbernahme zwar scheiterten, aber den Weg bereiteten f\u00fcr eine friedliche, demokratische Revolution.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Caracas mit Moschee Es mangelt uns weder an M\u00f6glichkeiten, noch an Geld, sondern an offenem Denken Manchmal sind es entt\u00e4uschende Niederlagen, die die Grundlage f\u00fcr gro\u00dfe Erfoge bilden. Ein Fernsehauftritt von einer knappen Minute machte einen kleinen Fallschirmj\u00e4ger-Oberstleutnant zur Hoffnung der Armen. 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