Industrieabfälle und Faustrecht

Ich habe vor ein paar Tagen einen kurzen Beitrag über das „Transatlantische Freihandelsabkommen” (TTIP), wie das so nett heißt, geschrieben, und muss feststellen, dass das Interesse daran unterdurchschnittlich gering ist. Interessant. Da wird versucht in einem Aufwaschen die letzten Kleinbauern zu ruinieren, den Biolandbau loszuwerden und die Demokratie abzuschaffen, und es interessiert kaum jemanden.

Gut, das ist ein Fotoblog, ein philosophisches Fotoblog und kein Politik-Blog, aber trotzdem, manchmal sollte man vielleicht doch über seine Streulichtblende hinaus und von seinem Elfenbeinturm runterschauen. Sonst könnte es passieren, dass man nur mehr Industrieabfälle als Nahrungsmittel vorgesetzt bekommt und einem die Antibiotika und Hormone aus der Schlachtkörperherstellung schon bei den Ohren rauswachsen. Ein wunderschöne vielfältige Landschaft, wie sie das Waldviertel noch zu bieten hat (wenn auch die vielen Fichtenplantagen keinen wirklich attraktiven Wald abgeben), kann man dann nur mehr in so genannten Entwicklungsländern und zwar abseits deren verzweifelter Versuche industriellen Anschluss zu bekommen besuchen; und gleich mit den Abgasen seines Fluges helfen, die gesunde Umgebung weiter verschwinden zu lassen.

Subhash: „Windbruch #1195”

„Windbruch #1195”

Dass sich heimische Bauern sicher nicht gegen die wahnwitzigen „Lebensmittel”-Industriebetriebe der USA behaupten werden können, wenn TTIP rechtskräftig wird, ist ja wohl klar. Ernährungssouveränität kann man dann beinahe endgültig vergessen, und kein Hahn wird mehr in einem Dorf mit lebenswerter Struktur krähen. In den Hähnchenfabriken werden sie alle schon im Muser gelandet sein, bevor sie auch nur den Schnabel aufmachen.

Ein*e Städter*in hat von halbwegs intakten Landschaften ohnehin bestenfalls im Urlaub oder am Wochenende etwas, wenn sie den Entzug an städtischen Reizen überhaupt noch aushält, könnte man einwenden. Aber auch denen, die gezwungenermaßen oder ganz freiwillig am Tropf der Wirtschaft hängen und von Autarkie nur träumen können, kann es doch nicht gleichgültig sein, wenn noch mehr Gift, noch mehr Medikamente, noch mehr genmanipulierte Anteile im Essen angeliefert werden.

Subhash: „Alter Hof #1112”

„Alter Hof #1112” (Verfallender Bauernhof in der Gemeinde Schwarzenau)

Und die Bauern erst, die ohnehin schon unter den viel zu niedrigen Lebensmittelpreisen leiden, auf die kommt eine neue, ungeheuer mächtige Konkurrenz zu. Gegen die nordamerikanischen Lebensmittelkonzerne ist selbst Raiffeisen nur ein Nahversorger. Ställe mit 2.000 Schweinen werden dann bestenfalls mitleidiges Lächeln auslösen und artgerechte Haltung zum Handelshemmnis werden.

Die Artenvielfalt an Obst, Gemüsen und Kräutern wird noch stärker eingeschränkt und das Einheitsangebot der Supermärkte noch erbärmlicher. Jede*r, der oder die etwas dagegen unternehmen möchte, wird per Gesetz zur Zahlung der entgangenen Gewinne verdonnert, wie phantasivoll die auch kalkuliert sein mögen. Denn wer sich keine Heerschar an Staranwälten leisten kann, soll lieber gleich den Mund halten.

Subhash: „Wald #1163”

„Wald #1163”

Unsere halbherzige Demokratie wird zum historischen, überwundenen Versuch. Der jetzt schon de jure demokratiefreie Raum der Wirtschaft wird sich über ganz Europa ausbreiten und eine totalitäre Diktatur mit noch nie dagewesener Effizienz hervorbringen. Die Abhängigkeit der Leute wird nicht hauptsächlich durch Lohnabhängigkeit mangels Möglichkeiten selbst zu produzieren bestimmt werden, sondern auch diejenigen, die jetzt noch meinen freie Menschen zu sein, werden wie nie zuvor elegant erpressbar gemacht. Ein paar wenige werden es schaffen als Selbstversorger ein bescheidenes, aber freies und qualitätvolles Leben zu führen, so lange sie geduldet werden, der große Rest wird versklavt.

Subhash: „Goldgelber Zitterling #1115”

„Goldgelber Zitterling #1115”

Übertrieben? Schwarzmalerei? Es wird nicht so heiß gegessen wie gekocht? –

Mag schon sein, aber allein diese ständigen Versuche auszubeuten, wo es nur irgendwie geht, das Faustrecht in der Wirtschaft ohne Hindernisse durchzusetzen, jedes andere Interesse als weltfremd, standortgefährdend oder untergeordnet beiseite zu drängen, sollten doch nur notorische Ignorant*innen kalt lassen. Jubeln über diese Attacken können vorerst ein paar Profiteure, die sich aber hüten werden zu viel Wind um die Sache zu machen, bevor sie nicht nahezu irreversibel zu Gesetz geworden ist.

Transatlantisches Freihandelsabkommen verhindern!

Informationsveranstaltung
Unfairhandelbar – Freihandelsabkommen USA–EU stoppen!
Wann: 14.01.2014, 19:00 Uhr
Wo: Depot, Breite Gasse 3, 1070 Wien


Gehaltvolle Links zur Information gibt es im oben erwähnten Artikel.

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5 Gedanken zu „Industrieabfälle und Faustrecht“:

  1. Je nun, wie Du schon sagst, es ist ein Fotoblog – und Politik ist bestenfalls geduldet. Es wird Dich wenig trösten, dass Du nicht allein mit dieser Erfahrung bist – meinen Link auf die NSA-Timeline der Electronic Frontier Foundation hat auch noch niemand angeklickt. Man könnte meinen, dass die fotografisch Interessierten bestenfalls bei SOPA und PIPA aufwachen, wenn die Urheberrechtskeulenschwinger eine eher unmittelbare Bedrohung darstellen.
    Aber: Dein TIPP-Artikel ist zumindest bei mir in den RSS-basierten aktuellen Blog-Überschriften auch nie sichtbar geworden. Sollte da Google…?
    Wie dem auch sei, Campact et. al., auch die deutschen Grünen, haben natürlich TIPP längst auf dem Radar. Aber es ist in der Tat ein sperriges Thema, das dem Bild-/Kronenzeitungslesenden wenig eingängig erscheint und selbst bei politisch interessierten Menschen nur mit Verzögerung zu Auflehnung führt. Hoffen wir, dass es dann nicht schon zu spät ist. Snowden sei Dank glauben immerhin immer weniger Leute, dass von jenseits des Atlantiks prinzipiell Gutes zu erwarten wäre.

    • Dass du den ersten TTIP-Artikel nicht bemerkt hast, ist wahrscheinlich meine Schuld, weil ich zu schnell den nächsten veröffentlicht habe.

      Ansonsten danke ich für den Zuspruch!

  2. > Da wird versucht in einem Aufwaschen die letzten
    > Kleinbauern zu ruinieren, den Biolandbau loszuwerden
    > und die Demokratie abzuschaffen, und es interessiert
    > kaum jemanden

    Leider; das war bei MAI so, bei ACTA vielleicht etwas anders. Die große Mehrheit schweigt.
    Aber, was soll sie auch machen, außer Ohnmacht zu empfinden?
    Karl

    • Vernehmbar daran zu erinnern, dass der Souverän eines demokratischen Landes das Volk ist, nicht irgendwelche Experten, wie weise sie auch sein mögen, und schon gar nicht Konzerne.
      Im Falle eines Verfassungsbruches, wie wir ihn in Österreich durch den so genannten „EU-Reformvertrag” 2008 hatten, fragt sich überhaupt, ob man sich den Hochverrätern verpflichtet fühlen soll oder muss. Ein Generalstreik wäre das mindeste gewesen, wenn mir auch völlig klar ist, dass der jenseits aller Wahrscheinlichkeit lag und leider noch immer liegt.

      • Es hat sich vielleicht juristisch gesehen eher um einen Landesverrat gehandelt. Allerdings heißt es im Österreichischen Strafgesetzbuch § 242 Abs. 1: „Wer es unternimmt, mit Gewalt oder durch Drohung mit Gewalt die Verfassung der Republik Österreich oder eines ihrer Bundesländer zu ändern oder …”. Da ja letztlich gewalttätige Sanktionen (z.B. Freiheitsentzug) drohen gegen Leute, die zum Beispiel einen Teil der Steuern verweigern, weil sie der Aufrüstungsverpflichtung und der Aushöhlung der Neutralität nicht gehorchen wollen, ist das Wort „Staatsstreich” mE ebenfalls nicht so weit hergeholt.

        Auch der Terminus „Kalter Staatsstreich” trifft die Vorgänge gut. Die österreichische Verfassung wurde ohne Volksbefragung wesentlich ausgehebelt und de facto verändert. In einer Demokratie ein Verbrechen.

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